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	<title>Feine Erotik &#187; ars</title>
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	<description>Eros, Lust und Liebe</description>
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		<title>Die Liebeskunst nach OVID. Zärtliche Verse als Vorschrift</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Apr 2012 20:35:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gucknet</dc:creator>
				<category><![CDATA[OVID]]></category>
		<category><![CDATA[ars]]></category>
		<category><![CDATA[Liebeskunst]]></category>
		<category><![CDATA[Mythen]]></category>

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		<description><![CDATA[Kurse zur Kunst der Liebe &#8211; Leseprobe Zu OVIDs Liebeskunst gibt es manches zu sagen, je mehr Du Dich damit beschäftigst, kommst Du zu Deiner eigenen Interpretation. Auch hier gilt: Lass Dir Zeit! Ovids Liebeskunst (Ars amatoria) besteht, oberflächlich gesehen, <a class="more-link" href="http://gucknet.de/ovid/liebeskunst-ovid">weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Kurse zur Kunst der Liebe &#8211; Leseprobe</h3>
<p style="text-align: justify;">Zu OVIDs Liebeskunst gibt es manches zu sagen, je mehr Du Dich damit beschäftigst,<br />
kommst Du zu Deiner eigenen Interpretation. Auch hier gilt: Lass Dir Zeit!</p>
<p style="text-align: left;">Ovids Liebeskunst (Ars amatoria) besteht, oberflächlich gesehen, aus drei Büchern: Zwei für Männer, ein drittes für die Frauen.<span id="more-90"></span></p>
<p style="text-align: left;">Wir müssen bei der Lektüre berücksichtigen, dass OVID unter den Bedingungen staatlicher Zensur schrieb. Sittengesetze sollten die Familie zusammenhalten, Ehe-&#8221;Bruch&#8221; stand unter Strafe.</p>
<p style="text-align: left;">OVID war kein Staats-Anwalt, sondern Dichter und Poet, Chronist und Systematiker, Beobachter, Darsteller, Wissenschaftler, Seelenkundiger und Mythologe. Dass er sich ins andere Geschlecht hineindenken und einfühlen konnte, ist durch sein Werk belegt. Sein Interesse dürfte somit gewesen sein, die staatliche Zwangsmoral und Zensur zu umgehen. Also hat er die Liebeskunst chiffriert, verschlüsselt, und uns angedeutet, dass der &#8220;Schlüssel&#8221; in der Unvoreingenomeheit und eigenen Erfahrung der Leserinnen und Leser zu finden ist. Unter dieser Voraussetzung sind natürlich viele Lesarten der Liebeskunst möglich, und noch heute ist es nicht immer sinnvoll, das eigene Verständnis gänzlich unverblümt dar**stellen, so dass dieser Text nur eine Vorarbeit darstellt, für Eure eigene Interpretation.</p>
<p>Welche Anweisungen nun für Männer, welche für die Frauen gelten<br />
- die Aufteilung der Geschlechterrollen ist kein Naturgesetz. Woran wir uns<br />
halten, was wir für uns selbst wählen, welche Vorzeichen wir setzen,<br />
ist unsere Sache, und folgt meistens(?) gesellschaftlichen Konventionen.</p>
<p>Es soll ja auch nicht der ganze Text im Netz veröffentlicht werden &#8211; die<br />
Textstellen sollen einerseits zur Diskussion über die Liebeskunst anregen,<br />
andererseits auch einen Anreiz darstellen, das Buch zu kaufen &#8211; wenn es denn<br />
fertig wird und sich ein Verleger findet; ein wenig Ermutigung könnte ich<br />
dabei auch noch brauchen &#8230;</p>
<p><strong>Übersicht<a name="oben"></a></strong></p>
<p><a href="#amorundbaccus">Amor und Baccus</a></p>
<p><a href="#achill">Achill und Deïdameia </a></p>
<p><a href="#gelenk">Die Gelenkstellen des Textes </a></p>
<p><a href="#vorschriftdichtung">Dichtung und Vorschrift</a></p>
<p><a href="#atalante">Atalante </a></p>
<p><a href="#Aphrodisaika">Anregungsmittel, Aphrodisiaka</a></p>
<p><a href="#frauen">Liebeskunst für Frauen</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>Einschub: Ovid entschlüsseln</h4>
<p>Oft steht bei diesen Texten etwas unsichtbar zwischen den Zeilen geschrieben;<br />
es gibt auf der ganzen Welt den Ausdruck „Zwischen den Zeilen lesen“.<br />
Der Text ist in seiner eigentlichen Bedeutung zum Teil chiffriert; Du musst<br />
selbst entscheiden, was wie gemeint ist. Ich kann das auch nicht objektiv entscheiden,<br />
sondern nur meine Meinung äußern. Wo du ihr zustimmst, sind wir einer<br />
Meinung.</p>
<p>„Fünf Bücher Nasos (so nennt Ovid sich hier) waren wir einst<br />
– drei sind wir jetzt“, steht im Vorwort zu einem anderen Buch,<br />
den Liebeselegien. Demnach können wir davon ausgehen, dass der Dichter<br />
sein Werk ge- oder verkürzt hat; auch das gehört zur Verschlüsselung.<br />
An den „unsichtbaren Text“ kommst du auf dem Umweg über dein<br />
Wissen von den Dingen, deine eigenen Erfahrungen und Gedanken. Wo es wirklich<br />
unangenehm wird, hat OVID in diesem Text eher ausgeblendet, die dunklen Seiten<br />
der menschlichen Existenz finden sich an anderer Stelle, dargestellt am Beispiel<br />
der Götter, Halbgötter, Nymphen usw.. Zudem gibt es zur „Liebeskunst“<br />
von ihm noch eine Fortsetzung; Die „Heilmittel gegen die Liebe“.<br />
Sehr schöne, zarte und leicht bittere, erotische Stellen fändest du<br />
auch in den „Liebeselegien“.</p>
<p>[ <a href="#oben">Übersicht</a> ]</p>
<h3>Amor und Baccus<a name="amorundbaccus"></a></h3>
<p>Wir schauen etwas genauer nach der Herkunft von Amor und Baccus, weil beide<br />
bei einer Gelegenheit, die für uns willkommene Gelegenheit zum Zusammentreffen<br />
und Kennenlernen sein kann, dem Gastmahl, aufeinandertreffen.</p>
<p>Amor zieht den Baccus an und bekommt nasse Flügel, er kann zwar versuchen,<br />
die Flüssigkeit abzuschütteln, mit Fliegen ist es aber erst mal aus.<br />
Für die TeilnehmerInnen am Gastmahl ist es gefährlich, „die<br />
Brust auch nur leicht von Amor besprengen zu lassen. Wein macht das Herz bereit,<br />
er macht es für die Glut der Leidenschaft empfänglich; durch viel<br />
unvermischten Rebensaft entflieht die Sorge und löst sich auf.“</p>
<p>Mit der Sorglosigkeit „kommt das Lachen, dann spielt der Arme plötzlich<br />
den Stier, dann schwinden Schmerz, Sorgen und Runzeln an der Stirn; dann öffnet<br />
die in unserer Zeit so seltene Einfalt die Herzen, da der Gott alle Künstelei<br />
verjagt.“</p>
<p>Welche Rolle spielen nun die beiden Götter?</p>
<p>Nach einem griechischen Mythos legte die vom Wind befruchtete Dunkelheit ein<br />
Ei, aus dem Eros entstand; erst sein Einfluss ließ das Chaos, aus dem<br />
sich Weiteres entwickelte, entstehen, lange bevor es die Welt und ihre Bewohner<br />
gab.</p>
<p>Amor ist die römische, etwas weiterentwickelte, veränderte Form des<br />
Eros, ohne den es nichts gäbe außer Dunkelheit und Wind. Wir haben<br />
keinen Anlass, uns solche Bedingungen vorzustellen, da unsere Existenz untrennbar<br />
mit der Existenz des Eros verbunden ist &#8230;</p>
<p>Eros bringt die Dinge in Gang, zum Laufen oder zum Tanzen, ist befruchtend.<br />
Gerade auf der gedanklichen, „geistigen“ Ebene. Ohne Eros gäbe<br />
es uns nicht, gäbe es kein „wir“.</p>
<p>&#8230;</p>
<p>Beim Gastmahl geschieht, was wir nur in der Vorstellung sehen können:<br />
Ein purpurroter, oder in dieser Farbe gekleideter Amor zieht „mit seinen<br />
zarten Armen“ die Hörner des Baccus an sich. Der geflügelte,<br />
erstgeborene Gott umarmt den jüngsten Gott; in der sorglosen Stimmung des<br />
Gastmahls „haben oft die Mädchen die Herzen junger Männer geraubt,<br />
und Venus war Feuer im Feuer.“</p>
<p>Nehmen wir das Bild vom doppelten Feuer als Metapher für die (nicht ohne<br />
Absicht &#8230;) aufgeheizte Stimmung. Die Männer jedenfalls sind gewarnt,<br />
hier, beim gedämpften Licht, nicht wahllos zu werden: „Bei Nacht<br />
bleiben die Mängel verborgen, man ist nachsichtig gegenüber jeglichem<br />
Fehler, und die Dämmerstunde macht jede Frau schön. Geht es um Edelsteine,<br />
purpurgefärbte Wolle, schöne Gesichter und körperliche Vorzüge,<br />
so ziehe das Tageslicht zu Rate!“</p>
<p>&#8230;..</p>
<p>[ <a href="#oben">Übersicht</a> ]</p>
<h3>Achill und Deïdameia<a name="achill"></a></h3>
<p>Mit alten Denkgewohnheiten soll man nicht brechen. Helden sind Kämpfer<br />
und männlich. Ein starker Krieger kämpft wie eine möglichst unverwundbare<br />
Kampfmaschine; er wird von der Gewalt beherrscht und wendet sie an, als kenne<br />
er nichts anderes. Es liegt in der Natur der Dinge, dass Männer gewaltsam<br />
und rücksichtslos sind und sich auch so durchsetzen. Die Geschichte von<br />
Achill und Deïdameia, wenn wir sie in der Kurzform hören, könnte<br />
die Normalität der männlichen Gewalt belegen, die von den Frauen schließlich<br />
begrüßt wird:</p>
<p>„Zufällig war die jungfräuliche Königstochter in demselben<br />
Gemach; durch die Gewalttat erfuhr sie, dass er ein Mann war. Er besiegte sie<br />
zwar mit Gewalt (so muß man es glauben), aber sie wollte doch mit Gewalt<br />
besiegt werden. Oft sagte sie &#8220;Bleib!&#8221;, wenn Achill schon davonging.<br />
Denn er hatte den Wollfaden beiseite gelegt und sich die kriegerischen Waffen<br />
genommen. Wo ist denn nun diese Gewalt, von der die Rede war? Was hältst<br />
du mit schmeichelnder Stimme den Mann auf, der dich schändete, Deïdameia“</p>
<p>Die Unterscheidung, was sich gehört und was sich nicht gehört, macht<br />
unsere kulturellen Normen aus. So „müssen“ wir glauben, Achill<br />
hätte Deïdameia mit Gewalt genommen; eine andere Übersetzung<br />
formuliert: „&#8230; das ziemt es sich zu glauben“.</p>
<p>Wir werden hier mit dem konfrontiert, was wir glauben sollen. Auf den Unterschied<br />
zwischen Wirklichkeit und Glauben einzugehen, könnte ja bedeuten, sich<br />
von falschen Vorstellungen zu befreien. Unbestreitbar ist wohl jedenfalls, dass<br />
so manche Geschichte uns vorgibt, was wir glauben sollen – zum Beispiel<br />
an die herrliche Größe unserer Heerführer oder die Unvermeidbarkeit<br />
von Kriegen. Dass Krieger keine Schmerzen kennen und Krieger sind vom Scheitel<br />
bis zur Sohle, durch und durch. Wenn der Krieg der Vater aller Dinge ist, brauchen<br />
wir den Krieg zum Leben und folglich kriegerische Krieger und damit auch kriegerische,<br />
gewaltsame Vorbilder, die keine Schwächen haben.</p>
<p>Wenn wir unter seinem Leben seine Taten auf dem Schlachtfeld verstehen, blenden<br />
wir aus, was der Held außerdem lebte und fühlte. Nun noch einmal<br />
zu der Geschichte von Achill und Deïdameia:</p>
<p>Als Achilles neun Jahre alt war, verkündete der Prophet Kalchas, dass<br />
die Stadt Troja in Kleinasien nicht ohne Achill von den Griechen erobert werden<br />
könne. Seine Mutter erfuhr von dieser Wahrsagung. Weil sie befürchtete,<br />
dass dieser Krieg ihren Sohn das Leben kosten könnte, zog sie ihm Mädchenkleider<br />
an und brachte ihn in diesem Aufzug zu dem König Lykomedes, der auf der<br />
Insel Skyros herrschte. Dieser ließ ihn unter seinen Töchtern wie<br />
eine Schwester aufwachsen und typische Frauenarbeiten verrichten. Als Achilles<br />
heranwuchs, verliebte er sich in Deïdameia, die liebliche Tochter des Königs,<br />
die seine Gefühle erwiderte. Während er auf der ganzen Insel als weibliche<br />
Verwandte des Königs galt, hatte Achill mit Deïdamia ein heimliches<br />
Verhältnis.</p>
<p>Der Seher Kalchas entdeckte jedoch das Versteck, Odysseus und Diomedes begaben<br />
sich zur Insel, um Achilles für den Krieg zu gewinnen. Als sie zum König<br />
und dessen Töchtern gebracht wurden, konnten sie Achill wegen seines mädchenhaften<br />
Gesichts nicht von den anderen Mädchen unterscheiden. Odysseus wendete<br />
eine List an, um den Jungen unter den Mädchen zu entlarven: Er ließ<br />
in den Frauensaal, wo sich die Mädchen aufhielten, einen Schild und einen<br />
Speer bringen und dann laut die Kriegstrompete blasen, als ob sich die Feinde<br />
näherten. Sofort flohen die Frauen aus dem Saal; nur Achill griff ohne<br />
Zögern nach Speer und Schild – also entlarvte er sich selbst.</p>
<p>Es ist völlig offen, was sich in dem Frauentrakt des Palastes ereignet<br />
hat: Als sicher kann aber gelten, das Achill die weibliche Lebensweise geteilt<br />
hat; sein Tagesablauf war der ungewohnte Alltag der Frauen, anders als der bisher<br />
gelebte – da gab es hinsichtlich der Geschlechterunterschiede Einiges<br />
zu entdecken und zu erforschen; „Jugend forschr“ ist ein Sprichwort,<br />
das solche Szenen kommentiert. Obwohl „Hahn im Korb“, glich er sich<br />
dem Umfeld, das seine Veränderung wohl noch belohnte, so weit an, dass<br />
er äußerlich als Mädchen wirkte, sich für eine Freundschaft<br />
„unter Mädchen“ qualifizierte, der kaum zu verbergende Reiz<br />
des kleinen Unterschieds kam hinzu: Die Heran-wachsenden verliebten sich.</p>
<p>Sich eine Vorstellung der Geschehnisse zu machen, bleibt unserer Phantasie<br />
überlassen; die möglichen Empfindungen der Beiden – hier der<br />
Deïdameia &#8211; hat Konrad von Würzburg im Minnegesang „Trojanerkrieg“<br />
nachgezeichnet:</p>
<blockquote><p>„und wære si ein maget niht,</p>
<p>ich möhte denken, daz ir lîp</p>
<p>mich wolte meinen, als ein wîp</p>
<p>gemeinet wirt von einem man“</p></blockquote>
<p>„Und wäre sie kein Mädchen, würde ich wünschen, dass<br />
ihr Körper mich begehrte, als Frau, die von einem Mann begehrt wird“.</p>
<p>Aus der Einfühlung in das andere Geschlecht entstehen ungewohnte Gefühle;<br />
wer sich in die andere Geschlechterrolle hineindenkt, wird bei der Empfindung<br />
der Gegengeschlechtlichkeit des Gegenübers verwirrt und/oder den scheinbar<br />
gleichgeschlechtlichen Part verwirren, wie Kleider- oder Rollentausch die Rollenerwartungen<br />
verändern.</p>
<p>Andererseits: Dieses Vexierspiel um Gleich- und Gegengeschlechtlichkeit ist<br />
gesellschaftlich geächtet. „Achills Männlichkeit war (eine Schande,<br />
aber er hatte es seiner Mutter auf ihre Bitte hin zugestanden) unter einem langen<br />
Frauengewand verheimlicht.“</p>
<p>Es gibt keine Überlieferung, was sich in diesem „Leben unter Frauen“<br />
abgespielt hat. Wenn der „Fall Achill“ ein Sonderfall ist, was ist<br />
dann die Norm?</p>
<p>„ &#8230; es geht um Frauen im Plural, denn der kleine Junge ist umzingelt<br />
von Frauen! Es gibt ja eigentlich nichts anderes in seinem kleinen Universum,<br />
denn wenn er die Welt seiner Mutter verläßt, kommt er in den Kindergarten,<br />
wo er sich mit der Kindergärtnerin anfreunden muß, und dann in die<br />
Schule, wo er auf die Lehrerin trifft. Es gibt nur Frauen um ihn herum; sein<br />
Vater erscheint für ihn sehr weit entfernt, wenn die Lehrerin hinter ihm<br />
her ist. Es ist eine Katastrophe für den kleinen Jungen, daß die<br />
Erziehung des kleinen Kindes fast ausschließlich in den Händen von<br />
Frauen liegt.“ (Aus: Christiane Olivier: Jokastes Kinder, Die Psyche der<br />
Frau im Schatten der Mutter, München: dtv, 10.Auflage 1996)</p>
<p>Nun, das ist zugegebenermaßen eine spezielle Blickrichtung, aber nicht<br />
unbedingt ein Anachronismus; wahrscheinlich hat sich „der Mensch“<br />
seit der Antike nur wenig geändert.</p>
<p>Wir hatten gesagt, dass vom Leben im Frauentrakt einige Szenen zu fehlen scheinen.<br />
Der Dichter überspielt dies mit seiner Frage, die immerhin einige Bruchstücke<br />
der Szene enthält: „Was tust du, Aeacus&#8217; Sproß? Wollarbeiten<br />
sind nicht deine Aufgabe. Du wirst in einer anderen Kunst der Pallas nach Ruhmestiteln<br />
streben. Was hast du mit Körbchen zu tun? Deine Hand ist dazu geschaffen,<br />
einen Schild zu tragen. Was hältst du Wolle in der Hand, durch die Hektor<br />
fallen soll? Wirf die Spindel weg, die mit fleißig gesponnenem Garn umwunden<br />
ist! Diese Hand muß die pelische Lanze schütteln.“</p>
<p>Fast unmerklich wird unser Augenmerk von der Beziehung Deïdameia –Achill<br />
abgelenkt, die Parallele zu Hercules, der zur Strafe für seinen Streit<br />
mit Apollo als Sklave an die lydische Königin Omphale verkauft wurde, drängt<br />
sich auf: Auch Herkules hatte sich zeitweise, zur Unterhaltung, als Frau bekleidet,<br />
aber allgemein ist solches Rollenspiel bewusstseinsfern auf die parodierende<br />
Komödie, die Travestie oder auf Transvestiten beschränkt. Ob das „abweichende<br />
Verhalten“ unserer Helden als Schande zu betrachten ist oder nicht &#8211; es<br />
geht um Achills Ruf; seiner „Ehre“ zuliebe sollten wir glauben,<br />
er hätte die jungfräuliche Königstochter vergewaltigt.</p>
<p>Die Redlichkeit unserer Übersetzer einmal vorausgesetzt, mag es uns unter<br />
anderem irritieren, dass eine bestimmte Hand die Lanze aus hartem Holz schütteln<br />
(und nicht werfen) muss; bei diesem Stoff laufen durchaus einige Fäden<br />
zusammen, bis ein Eindruck entsteht, und doch ist, was wir „sehen“,<br />
von dem, was wir glauben, so bestimmt, dass die schönste Umschreibung des<br />
Geschehens unser Bild verwischt.</p>
<p>Anders gesagt: Tabus bestimmen unser Denken mit, gehören zu den Fakten.<br />
Man redet nicht öffentlich über Masturbation, für das Unbewusste<br />
ist schon der Gedanke allzu nahe an der Tat, diese Betätigung unterliegt,<br />
in welcher Konstellation auch immer vor- oder miteinander unternommen, einigen<br />
Tabus.</p>
<p>Lieber, als diese auch nur im Denken zu übertreten, kehrt man zurück<br />
zur alten Gewaltthese.</p>
<p>„Nicht wahr: Man schämt sich zwar, bei gewissen Dingen selbst den<br />
Anfang zu machen, aber man erduldet sie gern, wenn ein anderer damit beginnt.<br />
Ach, allzu viel bildet sich der junge Mann auf seine Schönheit ein, der<br />
abwartet, bis das Mädchen ihm zuerst einen Antrag macht. Der Mann tue den<br />
ersten Schritt, er spreche bittende Worte, und sie möge die schmeichelnden<br />
Bitten liebenswürdig aufnehmen. Willst du sie erlangen, so bitte du sie!<br />
Sie will nur gebeten sein. Schaffe den Anlaß und mache den Anfang zur<br />
Erfüllung deines Wunsches. Jupiter ging als Bittflehender zu den Heroinen<br />
der Vorzeit; kein Mädchen hat von sich aus den großen Jupiter verführt.“</p>
<p>Anders gesagt: Wenn Du gewisse Wünsche, die „sich nicht gehören“<br />
(und hast du nicht einmal gesagt: „Hier und heute ist alles erlaubt, es<br />
gibt doch keine Verbote!“) hast, ergreife die Initiative.</p>
<p>[ <a href="#oben">Übersicht</a> ]</p>
<h3>Dichtung und Vorschrift in der Liebeskunst<a name="vorschriftdichtung"></a></h3>
<h4>Verse, Phantasie, erdichtetes &#8230;</h4>
<p><img class="alignnone" src="http://www.fressnet.de/pics/nme/Sklavenmarkt.JPG" alt="In Abbildungen finden sich mehr Sklavinnen als Sklaven, auch eine Frage der Rollenverteilung. " width="556" height="480" /></p>
<p>Die Partner müssen nicht nur zusammenfinden, sie müssen auch aushandeln,<br />
wie sie miteinander umgehen. In der Zivilisation ist das etwas komplizierter<br />
als bei Pferd und Stute oder Fisch und Fischin. Geschenke gehören zur Werbung,<br />
Gedichte können günstige Geschenke sein:</p>
<p>Dennoch bleibt die Frage: Sollst du, oder sollst du nicht? „Soll ich<br />
dir vorschreiben, auch zärtliche Verse zu schicken?“</p>
<p>Was wäre denn, wenn zum Beispiel Homer, in der gedachten Begleitung aller<br />
neun Musen, bei uns auftauchte – ohne Gold und Geld? Selbst diesen Wortgewaltigen<br />
würde man vor die Tür setzen, mit einer Ausnahme: Eine gebildete Frau<br />
würde sicherlich hören wollen, was der große Homer zu sagen<br />
hat. Weil es bei den unwissenden Frauen, der Mehrzahl der Mädchen also,<br />
immerhin den starken Wunsch, gebildet zu sein oder zu erscheinen, gibt, hast<br />
du gute Gründe, deinen Text zu entwerfen. Die Ehre, „ein süßes<br />
Gedicht auf ihren Namen zu hören &#8230;“, freut doch jede Schöne.<br />
Auf die Schönheit der Versform kann es hier nicht wirklich ankommen, nicht<br />
alle von Euch haben das nötige Talent. „Den Gedichten, so schwach<br />
sie auch sein mögen, soll der Vortragende durch schmeichelnde Stimme aufhelfen.“<br />
Wegen Ihr, ohne Sie, warst du schlaflos, unruhig &#8211; nervös ist gar kein<br />
Ausdruck. Woher sollte sie ohne deine Worte wissen, dass deine Gedanken nur<br />
um Sie sind gekreist sind? Wird sie für das, was du dir für sie ausgedacht<br />
hast, so dankbar wie für ein anderes Geschenk sein? Ihr Name sollte oft<br />
genug in deinen, von Stimme und Blick kunstvoll verstärkten, „rührenden<br />
Worten“ auftauchen.</p>
<p>Es gibt so einiges, das du dir wünschst, manches interessiert dich. Jetzt<br />
hast du die künstlerische Freiheit, deine Vorstellungen als ihren Plan<br />
darzustellen.</p>
<p>Willst du beispielsweise einem Sklaven etwas Gutes tun, ihn vielleicht sogar<br />
von dir aus freilassen, dann sprich nicht du vom humanen Umgang mit einem Sklaven,<br />
sondern „lass ihn dennoch deine Geliebte darum ersuchen.“ Er soll<br />
sie bitten; so steht sie im Mittelpunkt des Interesses; dann kannst du sie betteln<br />
lassen, bis sie keine Worte mehr findet. „Sie zuerst spreche davon, &#8230;<br />
sie soll es wünschen. &#8230; sieh, dass die Traute Gnade erbettelt, flehenden<br />
Blicks dich langsam erweicht.“</p>
<p>In Abbildungen finden sich mehr Sklavinnen als Sklaven, auch eine Frage der<br />
Rollenverteilung.</p>
<p>Als Eigentümer von Sklaven bist du darauf angewiesen, dass sie tun, was<br />
ihre Aufgabe ist. Der Gehorsam der Sklaven ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit,<br />
es heißt „Strafe muss sein“, sie gilt als Erziehungsmittel,<br />
und es heißt „wer nicht hören will, muss fühlen“.<br />
Ein Sklave, der sich falsch verhalten hat, wird in Ketten gelegt, bei Wasser<br />
und Brot in einen dunklen, unbequemen Kerker („Dungeon“) gesperrt,<br />
eine Anzahl von Peitschenhieben wird festgelegt oder andere einschneidende Maßnahmen,<br />
abhängig von der Verfehlung, drohen ihm.</p>
<p>Wenn deine Freundin sich für einen zu Bestrafenden einsetzen und seine<br />
Fürsprecherin sein will &#8211; lass sie die Rolle der Mächtigen spielen.<br />
Es könnte dein Vorteil sein, wenn sie selbstbewusster auftritt; „Der<br />
Nutzen sei dein, die Ehre werde der Freundin zuteil.“</p>
<p>Mit ihrer Fürbitte, ihrem ehrenwerten Eintreten für die „Freiheit<br />
des Unterdrückten“ übernimmt sie eine große Verantwortung<br />
– sie macht sich gewissermaßen zu seinem Bürgen, wird für<br />
die Ergebenheit des Ungehorsamen haftbar.</p>
<p>Zivilisierte und kultivierte Sklaven sind selten; allzu häufig sind sie<br />
schlecht erzogen, oberflächlich, anspruchsvoll, eingebildet, falsch, faul<br />
und mürrisch. Kein Wunder: Oft sind sie aus zweiter Hand; spielen sich<br />
auf und bringen ein hohes Strafbedürfnis mit, wodurch sich erklärt,<br />
dass sie im Dienst dienstfremden Tätigkeiten nachgehen.</p>
<p>Bei Vergehen wie beispielsweise Diebstahl erwartet deine Freundin deshalb ein<br />
umfassendes Geständnis und das Gelöbnis, die Tat nie wieder zu begehen.<br />
Was das sittliche Verhalten betrifft, verhört sie ihn einfühlsam und<br />
eindringlich, leitet ihn an, unangemessene Wünsche den Gegebenheiten, ihren<br />
Bedürfnissen und ihren Vorschriften anzupassen. Da er sich demütig<br />
verhalten soll, bleiben ihm einige Demütigungen nicht erspart. Sie wird<br />
zur Erzieherin, übt mit ihm die Aufmerksamkeit bei seinen Aufgaben und<br />
die freiwillige Unterwerfung ein, aus fehlerhaft ausgeführten Anweisungen<br />
ergeben sich schnell Strafanlässe. Sie kann ihm auch aufzeigen, welche<br />
Strafen er zu erwarten hätte; ihre Hiebe fallen, wenn sie gnädig ist,<br />
schwächer aus, Kerzenwachs ist weniger heiß als siedendes Öl;<br />
je größer die Einschränkung, desto erlösender ihr Wegfall.<br />
Sie kann ihn motivieren, ihm Hoffnung machen, dass seine Bitten erhört<br />
und die Ketten mit der Zeit etwas gelockert werden. Gibt sie ihm nun eine Decke,<br />
Essen oder etwas zu trinken, ist ihr seine Dankbarkeit sicher.</p>
<p>Es gibt im Haushalt genügend sinnvolle Beschäftigung; Speisen korrekt<br />
zuzubereiten und zu servieren, sollte eine seiner leichtesten Übungen sein,<br />
und überhaupt sorgen die Launen der Herrin für Abwechslung. Dabei<br />
haben Benehmen, Haltung, Kleidung und Gesichtsausdruck jeweils dem Dienst und<br />
der Situation zu entsprechen. So lernt er, dass es eine Auszeichnung ist, ihr<br />
brav zu dienen, ohne moralische Einschränkung, Bedenken und Zögern:<br />
Der Dienst des Rechtlosen ist keine Vorleistung, die selbstverständlich<br />
mit einer Gegenleistung belohnt würde, von einem Verdienst ist bei dieser<br />
Hierarchie nicht die Rede. Gute Sklaven sind sklavisch gehorsam, erwarten keinen<br />
Dank, sondern bedanken sich für ihre Schläge. Zucht und Ordnung herrschen,<br />
wo die Strafe mit Bedacht gegen Übergriffe eingesetzt wird.</p>
<p>Noch heute, da die Sklaverei offiziell abgeschafft ist, braucht sie, um ihr<br />
Bedürfnis nach Herrschaft, lateinisch: „Dominanz“, auszuleben,<br />
Mitspieler, die sie ergänzen und sich ihrem Verlangen unterwerfen. Dazu<br />
sei bereit, aber nur, wenn es dich nichts, auch keine Überwindung, kostet.<br />
Welch schöner geistiger Einklang: Du verlierst jedenfalls absolut nichts,<br />
wenn „&#8230; die Geliebte glaubt, dass sie dich beherrscht.“</p>
<p>Gibt es an dieser Stelle noch Fragen, oder können wir zum nächsten<br />
Punkt kommen? Zumindest eine Frage ist noch unbeantwortet – welche Frage<br />
meine ich? Da war doch jemand aufmerksam – bitte!</p>
<p>„Ob du mir Gedichte vorschreiben sollst, damit ich sie abschreiben kann!“</p>
<p>Nein, das war zwar nahe dran, das wäre allerdings eine andere Frage. Aber<br />
lass dir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen. Deine Gedichte, Bekenntnisse<br />
- wenn es um „intime Geständnisse“ geht, musst du selbst wissen<br />
und dir erarbeiten, wie und worauf du sie ansprichst.</p>
<p>Die Tugend im höheren Sinne</p>
<p>Tust du nicht alles, um sie im Bewusstsein ihres Wertes und ihrer Einmaligkeit<br />
zu bestärken? Sprichst du ihr damit nicht die oberste Gewalt zu? Wie symbolisch<br />
oder konkret du ihr auch „huldigst“ – „halte es für<br />
keine Schande“.</p>
<p>Wenn ihr die bäuerische Scheu überwunden habt, wenn die Scham vorüber<br />
ist, braucht ihr auch keinen moralischen Begriff von „Schande“ mehr.</p>
<p>Aber solche „Probleme“ sind Kleinigkeiten gegenüber dem, das<br />
wir nun anstreben: Es geht – „lausche mein Volk mit ganzer Seele!“<br />
- um die Tugend im höheren Sinne, eine Tugend, die ihr euch hart erarbeiten<br />
müsst, die nur auf einem steilen, schwierigen Pfad zu erreichen ist; wer<br />
es hinauf bis zum Gipfel der Sittsamkeit nicht schafft, schaut ihn sich von<br />
unten an.</p>
<p>Wenn du die Geduld mit deinem Rivalen erlangt hast, wirst du „sogar über<br />
den großen Juppiter auf dem Capitol triumphieren.“ (Oft genug kommt<br />
die Schwierigkeit, mit einem anderen zu rivalisieren, von der Angst vor der<br />
Autorität.) Du kannst auf den Wert solcher Geduld vertrauen: „Dies<br />
sei für dich kein Menschenwort, sondern &#8230; heilig &#8230;; meine Kunst kennt<br />
nichts Größeres als dies.“</p>
<p>Ich darf Euch darauf aufmerksam machen, dass wir an dieser Stelle den Gipfel–<br />
oder Wendepunkt der Liebeslehre erreicht haben. Gefordert ist nicht nur irgendeine<br />
gewisse Toleranz, es geht darum, die Eifersucht zu überwinden – für<br />
die Meisten sicherlich eine unerwartete Lehre, mit der wir uns hier zu beschäftigen<br />
haben. Bewahrt Euch bitte Eure ungeteilte Aufmerksamkeit für den Lernstoff<br />
und notiert einstweilen Eure Fragen, zu denen wir uns am Ende dieses Kapitels<br />
austauschen werden.</p>
<p>Schreiben wir uns zunächst die heiligen Worte – „Sei geduldig<br />
mit deinem Rivalen“ – hinter die Ohren. Sind das Worte, die so klar<br />
sind, dass wir sie mit dem Hören schon verstanden haben, oder müssen<br />
wir sie erst noch auslegen? Gefühlsmäßig haben die meisten offenbar<br />
schon verstanden, was gemeint ist. Der in unseren Breitengraden zuständige<br />
Prophet und Erlöser hatte, fast zeitgleich mit OVID, aber doch später,<br />
in seiner Bergpredigt ja ähnliche „ansteckende“ Gedanken geäußert:<br />
Wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst, unsere Feinde auch,<br />
denn die zu lieben, die uns lieben, ist keine Kunst, und Gott über alles<br />
– das ist zwar nett gesagt, scheint aber gedanklich sehr unscharf, praktisch<br />
nicht lösbar und im Widerspruch zum Wesen der Sache zu stehen: Liebe auf<br />
Befehl geht nicht – also ist etwas Anderes gemeint. Vielleicht handelt<br />
es sich bei der gekonnten Liebe ja um ein Verteilungsproblem: Ich brauche das<br />
geliebte, „angebetete“, oder auch nicht vergötterte oder idealisierte<br />
Gegenüber, ohne das ich mich nicht erkennen kann.</p>
<p>Wer die gebotene Nächstenliebe abschwächt und sich – kleingläubig<br />
- auf einen Vorrang der Liebe zu Gott beruft oder behauptet, sich ja selbst<br />
nicht leiden zu können, entwickelt in jeder Hinsicht oberflächliche<br />
Beziehungen ohne rechte Tiefe. Die reduzierte Nächsten- und Selbstliebe<br />
ist nach dieser Gleichung nicht gottgewollt, da die Formel doch zur Liebe in<br />
all ihren Facetten ermutigen sollte.</p>
<p>Wir sollen es ja nie beim Gesagten belassen, sondern verstehen, was gemeint<br />
war &#8211; das fällt leichter, wenn unser Text von Anfang an in der Obhut versierter<br />
Schriftgelehrter gewesen ist, wenn nicht, wie bei mündlicher Überlieferung,<br />
Unverstandenes irgendwie geglättet worden ist. Gottseidank ist das Christentum<br />
mittlerweile tolerant genug, die Vermutung, dass auch der „Sohn Gottes“<br />
aus geheimen, mysteriösen (Ur-) Quellen geschöpft haben könnte,<br />
oder auch nur „einfach“ aussprach, was im Zeitgeist lag, zu gestatten.</p>
<p>Mit Hilfe der Geduld kannst du deine Konkurrenzfähigkeit neu definieren<br />
(geht es nicht um einen Wettkampf auf Biegen und Brechen, Leben und Tod). Wenn<br />
schon Rivalitäten – um was auch immer, zwischen wem auch immer –<br />
unvermeidlich sind, wo zwei oder mehr Menschen zusammenkommen: Macht das Beste<br />
daraus. Hast du es dir bis jetzt verboten, dich um ihre Zuneigung zu bemühen,<br />
solange sie „gebunden“ ist, so hat dieses Verbot nun keine Grundlage<br />
mehr.</p>
<p>Geduld ist nichts, was uns in die Wiege gelegt worden ist. Andererseits bringen<br />
wir sie doch schon mit, aber auch die Ungeduld. Es ist eine differenzierte Kunst,<br />
in der wir uns üben können: „anspruchslos, ruhig, behäbig,<br />
unermüdlich, dulderisch, ausdauernd, beharrlich, ernst“ sind Synonyme<br />
für „geduldig“. So sollen wir mit unserem Nebenbuhler, unserem<br />
Gegner sein. Mit gehemmter Kraft, und ohne das Ziel aus dem Auge zu verlieren.<br />
Gegenüber der bisherigen Empfehlung: „Doch in der Stille wünsche<br />
den Mann zum Henker“ sind unsere Gefühle wandlungsfähig, wenn<br />
wir zunehmend lernen, mit Weisheit zu lieben.</p>
<p>Noch ein Hinweis: Wir sind das Volk, das mit ganzer Seele zugehört hat,<br />
sollen, was wir uns hinter die Ohren geschrieben haben, als „so heilig<br />
wie das Zeusorakel der pelasgischen Eichen von Dodona“ aufnehmen, gewissermaßen<br />
als übermenschliches, göttliches Wissen, jedenfalls sei es für<br />
uns „kein Menschenwort“. Die Quellen dieser ab jetzt und künftig<br />
gültigen Anweisung sind damit „gut“ verborgen, geheimnisvoll<br />
wie der Ursprung der Philosophie. Wir könnten uns eine Urquelle mit bestem<br />
Wasser, oder, um das bildhafte wie im Märchen zu steigern: reinstem Wein<br />
vorstellen.</p>
<p>Aus der gleichen Urquelle mag das Urchristentum geschöpft haben: Wenn<br />
wir eine beliebige Darstellung des „ersten“ Abendmahls, einer kommunikativen<br />
und nachdenklichen Gruppe, die sich einem neuen Geist annähert, mit der<br />
zur Massenveranstaltung, zum Zirkus verkommenen „Kirche“ vergleichen,<br />
verdeutlicht dies, dass vom Ursprungsgedanken nur noch kleinste Spuren geblieben<br />
sind und wie der ursprünglich reine Quell verwässert und verdorben<br />
worden ist.</p>
<p>Nahe am Ursprung finden wir praktische Ratschläge und Einsichten, nicht<br />
die Predigt eines schlecht legitimierten Hohen Priesters:</p>
<p>„Gibt das Mädchen ihm einen Wink, so ertrag es; schreibt sie ihm,<br />
so berühre die Täfelchen nicht; mag sie kommen, woher sie will, und<br />
gehen, wohin ihr beliebt.“ Werde so gleichgültig wie ein Ehemann<br />
im Tiefschlaf.</p>
<p>Wenn sie mit ihrer „neuen Flamme“ telefonieren muss und du die<br />
Hälfte des Gespräche mitbekommst, ist das folglich kein Grund, unruhig<br />
zu werden, wenn sie – du weißt nicht wohin und wie lange –<br />
ausgeht, auch nicht.</p>
<p>Wie bitte – du hast so etwas einmal erlebt und musstest vor Wut bald<br />
platzen? Tröste dich – niemand ist perfekt: „In dieser Kunst,<br />
das muss ich bekennen, bin ich nicht vollkommen – was hilft es? Ich bleibe<br />
hinter meinen eigenen Erwartungen zurück.“</p>
<p>Wer sich vom Zorn hinreißen lässt, kann nicht gleichzeitig gelassen<br />
bleiben: „Küsse hatte ihr eigener Mann ihr gegeben – daran<br />
kann ich mich erinnern -, und ich beklagte mich darüber.“</p>
<p>Wäre es wenigstens ein wildfremder Mann gewesen. Einer, der auftaucht<br />
und wieder verschwindet, der keine feste Größe darstellt –<br />
aber so? Der eigene Mann! Da deuten doch schon die Worte auf Besitzverhältnisse;<br />
Sie hält sich einen Ehemann und einen Geliebten, lässt beide ihre<br />
Zuneigung spüren – aber der Geliebte wird wieder einmal diskriminiert,<br />
wird eben nicht öffentlich geküsst, empfindet sich als in die zweite<br />
Reihe verwiesen – ein Gefühl, das niemand wirklich braucht; er reagiert<br />
wie eine gekränkte Geliebte, nicht gewillt, die zweite Geige zu spielen.</p>
<p>Es heißt ja, OVID verwende oft eine sehr feinsinnige (Selbst-) Ironie.</p>
<p>Streicht euch diese Stellen ruhig an, aber bitte nur mit Bleistift, so könnt<br />
ihr manches wieder wegradieren, weil mehr wörtlich zu nehmen ist, als zunächst<br />
geglaubt.</p>
<p>[ <a href="#oben">Übersicht</a> ]</p>
<h3>Die Gelenkstelle des Textes<a name="gelenk"></a></h3>
<p>Links ist links und rechts ist rechts. Oben ist oben und unten ist unten. Plus<br />
ist nicht minus. Eine Bewegung geht vorwärts oder rückwärst;<br />
Alles lässt sich in Koordinaten eintragen.</p>
<p>Männlich ist offensiv, werbend, erobernd und weiblich ist verführerisch,<br />
abwartend? Das ist, wie wir bereits wissen, eine anerzogene Konvention, die,<br />
einmal eingeführt, auch beibehalten wird, ähnlich wie der Linksverkehr<br />
in England.</p>
<p>Verkehrsregeln sind kein Naturgesetz, und es gibt keine Regel ohne Ausnahme.<br />
Im &#8220;nicht-öffentlichen Verkehr&#8221; sind gewisse Vorschriften aufgehoben.<br />
Muskelprotze wie Herakles spinnen in Frauenkleidern Wolle, tun das im Dienste<br />
einer Königin, nicht als Perversion, sondern zur Unterhaltung.</p>
<p>Krieger verwandeln sich, wenn sie den Zaubertrank eingenommen haben, bei Circe<br />
in willenlose, friedliche Tiere; nur wer über das Gegenmittel verfügt,<br />
kann eine gleichberechtigte, wenn auch bizarre Beziehung mit ihr eingehen.</p>
<p>Das wisst Ihr ja bereits. Die konventionelle Einteilung in männliches<br />
und weibliches Verhalten ist eine künstliche. Eine bewusste Verkehrung,<br />
&#8220;Umpolung&#8221; kann auch der Tarnung dienen: Damit verschleiert wird,<br />
wer der Autor ist, soll Sie bei den Briefen, die sie ihm schreibt, sich als<br />
Mann darstellen und ihn als Frau anreden. Würde nun der Brief abgefangen,<br />
wüsste niemand, wer Absender und Empfänger ist. Genauso hätte<br />
er seine Briefe zu verschlüsseln: Sie schreibt Ihm, wenn er ihr schreibt.<br />
Das ist gleichzeitig eine Vorübung für einen möglichen Rollentausch,<br />
für ein Spiel mit verschiedenen Rollen. Ihr ahnt wohl schon, dass es, in<br />
Eurem privaten Bereich, nur noch Eure eigenen Regeln gibt. Wo immer wir eine<br />
Rezension der Liebeskunst gefunden haben, hat es geheißen, sie beinhalte<br />
zwei Bücher für Männer und ein drittes für Frauen. Nur -<br />
Ihr werdet es bestätigen &#8211; findet sich hier, im &#8220;Buch für die<br />
Männer&#8221; auch eine Anweisung für Frauen.</p>
<p>Habt ihr die Übung, &#8220;Er&#8221; mit &#8220;Sie&#8221; und &#8220;Sie mit<br />
&#8220;Er&#8221; zu übersetzen, einmal durchgeführt, kommt Ihr zu ganz<br />
interessanten Ergebnissen, wenn Ihr auch die Bücher, die offiziell für<br />
die Männer bestimmt sind, entsprechend übersetzt bzw. entschlüsselt.<br />
Ihr könnt damit aus einem Buch zwei Fassungen ableiten, Euer Verhaltensspektrum<br />
erweitern. OVID schrieb unter den Bedingungen der Sittengesetze der patriarchalischen,<br />
kaiserlichen Diktatur und musste seine Aussagen mit den Mitteln der Camouflage<br />
tarnen &#8211; das wäre eine Erklärung für seine &#8220;Doppeldeutigkeit&#8221;.<br />
Was mag es aber zu bedeuten haben, wenn &#8220;männlich&#8221; und &#8220;weiblich&#8221;<br />
noch in unserer Zeit ein zweischneidiges Schwert sind?</p>
<h4>Atalante<a name="atalante"></a></h4>
<p>In Nonacris, dem nördlichen Teil Arkadiens, lebte Atalante. „Gab<br />
es etwas Spröderes als die nonacrinische Atalante? Aber diese Stolze ergab<br />
sich schließlich doch dem Manne, der sie verdient hatte.“</p>
<p>Diese Eigenschaften der „heldenmütigen Jungfrau“ bildeten<br />
sich heraus, weil der Vater lieber einen Sohn bekommen hätte; nach der<br />
Geburt wurde sie in der Wildnis ausgesetzt.</p>
<p>Unsere Lesart beruht auf verschiedenen Quellen, die reichlich märchenhaft<br />
klingen und hier nicht, wie es wissenschaftlicher Brauch wäre, gesondert<br />
ausgewiesen werden.</p>
<p>„In den Bergen fand eine Bärin, der man die Jungen getötet,<br />
das schreiende Kindlein, nahm es sorglich in den Rachen und trug es in ihre<br />
Höhle, wo sie es mit ihrer Milch säugte.“</p>
<p>In der Bärenhöhle wird das Kind dann von Jägern gefunden, die<br />
es weiter aufziehen. Sie entwickelte sich zur schönen, sonnengebräunten,<br />
starken Frau, schneller als das schnellste Reh, war eine sehr erfolgreiche Jägerin,<br />
mit dem Speer als Lieblingswaffe. Die Hirsche konnten ihr gar nicht groß<br />
genug, Wildschweine nicht wild genug sein. Sie war eigentlich entschlossen,<br />
die Finger von den Männern zu lassen, wollte ihr Leben lang Jungfrau bleiben,<br />
hatte sie doch einmal dieses Orakel erhalten: »Fliehe den Gatten, Atalante,<br />
du entfliehst ihm dennoch nicht!«</p>
<p>Es gab den Versuch zweier Zentauren, Rhökos und Hyläos, Atalante<br />
zu entführen. Als sie ihr zu nahe kamen, schoss sie beide mit ihren Pfeilen<br />
nieder. Sie war unter anderem bei der Erlegung des Kalydonischen Ebers beteiligt,<br />
beschämte oft die Männer durch ihre beispiellose Tapferkeit, war auch<br />
siegreiche Teilnehmerin an den Kampfspielen in Iolkos. Als sie später ihre<br />
Eltern wiedergefunden hatte, verlangte ihr Vater, sie solle einen „tüchtigen<br />
Helden“ heiraten. Warum er sich plötzlich zu seiner väterlichen<br />
Verantwortung bekennt, wissen wir nicht – wahrscheinlich hat er verschiedene<br />
Gesichter oder Persönlichkeiten; hierzu passt, dass ihn einige Iasos oder<br />
Iasion, andre Schöneus und auch Mänalos nannten.</p>
<p>Es gab viele Bewerber um die Hochzeit mit Atalante.</p>
<p>„Um nun den lästigen Schwarm zudringlicher Freier zu verscheuchen,<br />
schlug sie am Ende eines zum Wettlauf tauglichen Planes einen drei Ellen langen<br />
Pfahl in die Erde; diesen bestimmte sie als Auslaufspunkt für die Freier,<br />
und nur dem, der sie im Laufe besiegte, wollte sie als Gattin folgen; wer aber<br />
später zum Ziele gelangte als sie, dem sollte der Tod zum Lohne werden.“</p>
<p>Die Bedingung ihres Wettrennens war geeignet, die Bewerber von der Teilnahme<br />
abzuschrecken; das Risiko für die Verlierer bekannt und umso größer,<br />
je mehr Teilnehmer es gab. Nur der Beste würde überleben &#8211; und hätte<br />
die pfeilschnelle Jägerin zu überholen. Obwohl Atalante den Wettbewerbern<br />
einen Vorsprung ließ, konnte sie leicht an den Todeskandidaten vorbeiziehen.<br />
Ihre Geschwindigkeit machte den Wettkampf so fair wie das Wettrennen im Märchen<br />
vom Hasen und vom Igel.</p>
<p>„Die Bewegung erhöhte noch den Reiz ihrer Schönheit; und siehe,<br />
schon stand sie jauchzend am Ziel; weit hinter ihr folgten die Besiegten, die<br />
nun seufzend die gedrohte Strafe erlitten.“</p>
<p>Der griechischen Tradition bei der Körperertüchtigung, der „Gymnastik“<br />
folgend, waren die Wettkämpfer nackt – wie auch die Siegerin, die<br />
mit ihrer Nacktheit wohl ihr Körperbewusstsein herausstellte. Die vorzeitliche<br />
Sitte des Wettkampfs auf Leben und Tod finden wir noch bei den antiken olympischen<br />
„Spielen“ – allerdings ohne weibliche Teilnehmer. Die Darstellung<br />
des tödlichen Ausgangs, der als mit einem „leisen Seufzer“<br />
einhergehend geschildert wird, ist beschönigend, als hätte es sich<br />
bei dem Ende des jungen Lebens um einen „kleinen Tod“ gehandelt.</p>
<p>Es blieb nicht bei dem einen Lauf; Atalante wurde noch einmal herausgefordert:</p>
<p>„Hippomenes kommt, um sich die seiner Meinung nach völlig Verrückten<br />
anzuschauen, doch als er Atalante sieht, verliebt er sich in sie und will es<br />
selbst probieren.“</p>
<p>Er beansprucht für sich ein Motto, das für die Verlierer im ersten<br />
Lauf nicht gegolten hatte:</p>
<p>„Audentes deus ipse iuvat (denen, die es wagen, hilft ein Gott selbst).<br />
Mutig tritt er vor die junge Frau und fordert sie heraus. Er gefällt ihr<br />
und sie macht sich Sorgen um ihn &#8211; aber sie kann ihn nicht umstimmen, er besteht<br />
auf dem Wettkampf.“</p>
<p>Fügen wir der Genauigkeit halber hinzu, dass sie ihn nicht schonen will,<br />
weil ihr die Schande, besiegt zu werden, unerträglich wäre.</p>
<p><img class="alignnone" src="http://www.fressnet.de/pics/nme/atalante.jpg" alt="" width="500" height="354" /></p>
<p>„Hippomenes und Atalante laufen los, bald liegt sie weit in Führung.<br />
Da wirft Hippomenes einen Apfel an den Rand der Bahn, den er von Venus bekommen<br />
hat. Atalante bleibt stehen und hebt ihn auf &#8211; Hippomenes überholt sie.<br />
Doch bald hat sie ihn wieder eingeholt und lässt ihn wieder zurück.<br />
Noch zwei Mal wirft er Äpfel, und tatsächlich gewinnt er so den Wettlauf.<br />
Doch nach dem Sieg dankt er der Göttin Venus nicht, obwohl er ihr den Sieg<br />
ja verdankt. Die Göttin rächt sich fürchterlich: Sie veranlasst<br />
die beiden, durch plötzliches Verlangen einen Tempel zu entweihen &#8211; zur<br />
Strafe werden sie in Löwen verwandelt.“</p>
<p>So stellt sich ein mögliches Ende der Geschichte dar – die Verwandlung<br />
in Löwen war nach damaliger Vorstellung eine besondere Strafe, weil man<br />
dachte, dass Löwen sich nicht untereinander, sondern mit Leoparden paarten.</p>
<p>Daneben müssen wir noch die Version berücksichtigen, nach der Hippomenes<br />
und Atalante „normale“ Eltern wurden, Parthenopaios, „Sohn<br />
der zerrissenen Jungfernschaft“ wurde ihr Kind, das angeblich von einer<br />
Jungfrau geboren wurde, genannt. Auch für den Wettlauf können wir<br />
verschiedene Möglichkeiten annehmen; so gibt es auch die Erzählung,<br />
nach der die Freier einzeln gegen die mit einer Rüstung gekleidete Atalante<br />
antraten und gleich beim Wettlauf mit Atalantes Schwert geköpft wurden;<br />
die Schädel stellte man, entlang der Rennbahn aufgespießt, aus –<br />
was nach unseren Maßstäben eher abschreckende Beispiele und Anzeichen<br />
höchster Lebensgefahr, war den antiken Freiern offenbar erst recht ein<br />
Anreiz. Die Bedingungen des Wettkampfs entsprachen den Leitsätzen, die<br />
Atalante in die Wiege gelegt worden waren: „Als Frau bist du nichts wert,<br />
also verhalte dich männlich und nach der Regel, dass unter Männern<br />
nur der Beste überlebt.“ Demnach dürfen wir uns Hippomenes,<br />
der auch als Milanion bekannt war, nicht als strahlenden Helden oder Eroberer<br />
vorstellen:</p>
<p>„Oft soll Milanion über sein Unglück und die Grausamkeit des<br />
Mädchens im Schatten der Bäume geweint haben. Oft trug er, wie sie<br />
es befahl, die tückischen Netze auf dem Nacken, oft durchbohrte er finsterblickende<br />
Eber mit unbarmherziger Lanze. Er bekam auch den gespannten Bogen des Hylaeus<br />
durch eine Wunde zu spüren; doch noch besser als diesen Bogen kannte er<br />
den des anderen: den Amors.“</p>
<p>Auch als Gattin wird die allzu anspruchsvolle „1-A-Frau“ Atalante<br />
auf ihrer Stellung als Schnellste und Beste beharrt haben, dabei muss er ihr<br />
als Jagdgehilfe und Zielscheibe gedient haben – so hatte er die Frau bekommen,<br />
die er (sich) verdient hatte.</p>
<p>Soviel zu den Verhältnissen, in die du dich begibst, wenn Sie allzu spröde<br />
– oder in der Angst vor der „Schande“, besiegt zu werden,<br />
befangen ist. Atalante war eine zwanghafte Siegerin, die nur ihre barbarischen<br />
Bedingungen der Auswahl gelten ließ; bei so etwas musst du nicht mitmachen:<br />
„Ich heiße dich nicht in voller Jagdausrüstung die maenalischen<br />
Waldberge besteigen, nicht auf deinem Nacken Netze schleppen und nicht die Brust<br />
Pfeilschüssen darbieten. Die Gebote meiner umsichtigen Kunst werden sanft<br />
sein.“ Die Kunst, um die es hier geht, bezieht sich nicht auf unnachgiebige,<br />
rücksichtslose, „spröde-stolze“ Objekte. Meide die Spiele,<br />
bei denen du nicht verlieren darfst und sie es als Schande betrachtet, wenn<br />
sie einmal verliert.</p>
<p>[<a href="#oben">Übersicht</a>]</p>
<h3>Anregungsmittel, Aphrodisiaka<a name="Aphrodisaika"></a></h3>
<p>Was dich, lieber Meisterschüler, betrifft, wollen wir hoffen, dass du,<br />
was du tust, besser verbirgst. Wenn aber „doch irgend etwas an Licht kommt,<br />
mag es auch offenbar sein, leugne es dennoch beharrlich. Dann sollst du weder<br />
unterwürfig noch schmeichelnder als sonst sein. Dieses Benehmen zeugt deutlich<br />
von Schuldbewusstsein.“</p>
<p>Nein, da war nichts, da ist nichts gewesen, und wird nichts sein. Was dieses<br />
Gerede soll? Wenn es auch ein Gerücht gibt – du bist ihr doch immer<br />
treu gewesen, und so wird es auch in Zukunft sein. Wie sollst du das auch erklären,<br />
dass du nicht der Typ bist, der irgendwelche Affären anfinge. Es ist doch<br />
praktisch so: Du schonst „deine Lenden nicht, von einer einzigen Sache<br />
hängt der ganze Friede ab. Durch das Beilager musst du den Vorwurf, du<br />
hättest vorher bei einer anderen geschlafen, entkräften.“</p>
<p>Hoffentlich aber bist du jetzt nicht entkräftet. Schuldgefühle würden<br />
dazu ihren Teil beitragen, sie nutzen nichts, du zeigst auch keine, bist doch<br />
schon im Vorfeld freigesprochen. War etwa die Geliebte schuld, weil sie so verführerisch<br />
war? So darfst du jetzt nicht denken, es geht im hier und jetzt ausschließlich<br />
und allein um die Kraft deiner strapazierten Lenden – da gibt es unterschiedliche<br />
Rezepte.</p>
<p>Saturei halte ich für ein schädliches Gift. Manche „mischen<br />
Pfeffer mit dem beißenden Samen der Brennessel und geriebenes gelbes Bertramkraut<br />
in altem Wein. Aber die Göttin, die am hohen Eryx am Fuße des schattigen<br />
Hügels wohnt, lässt nicht zu, dass man sie so zu ihren Freuden zwingt.“</p>
<p>Dann also ganz ohne Zwang, die gesunde Lebensweise ist gefragt: „Man<br />
nehme vielmehr strahlend weiße Zwiebeln, die aus der pelasgischen Stadt<br />
des Alcathous zu uns geschickt werden, und das anregende Kraut, das aus dem<br />
Garten kommt, man nehme Eier und hymettischen Honig und die Nüsse, die<br />
die stachelige Pinie hervorgebracht hat.“</p>
<p>Ein Glas Rotwein mit verquirltem Ei und Zucker war bei einem Bauernpaar, das<br />
ich gekannt hatte, das Signal, das Sie Ihm gab, wenn sie ihm ihre Lust andeuten<br />
wollte – es wird wohl funktioniert haben. Heute wird „Venus“<br />
mit Medikamenten manipuliert, und Viagra ist nur der Anfang einer gigantischen<br />
Gewinnmaximierung. Spekulieren wir nicht allzu viel über das anregende<br />
Kraut aus dem Garten: Es gibt zahlreiche Kräuter und Gewürze, die<br />
die Drüsenfunktionen und Lebensgeister stimulieren; nicht auf das Einzelne,<br />
sondern auf die Kombination dürfte es ankommen. „Frisch und vollwertig“<br />
sollte unsere Ernährung sein, dabei „leicht“ bzw. leicht verdaulich.</p>
<p>Rippchen mit Sauerkraut und Kartoffelbrei ergeben gewiss kein leichtes, aphrodisierendes<br />
Gelage. Wenn fetter Braten mit Bohnenkraut (Saturei) auch „bekömmlicher“<br />
wird, ist von Speisen, die schwer im Magen liegen, immer noch nichts zu halten.<br />
Wo fettem Essen erst noch Kräuter beigegeben werden müssen, damit<br />
es verdaulich wird, hast Du, was die Liebe betrifft, Gift auf dem Teller. Die<br />
Erwähnung „des“ frischen Krauts aus dem Garten (der Natur)<br />
soll uns eher selbst anregen, uns mit der Wirkungsweise von Salaten, Wurzeln,<br />
Kräutern zu beschäftigen:</p>
<p>Kräutergärten haben eine lange Tradition, aber in unseren Städten<br />
wird mehr Platz von Parkplätzen als von Parks und Gärten eingenommen,<br />
und viele brave Bürger pflanzen lieber tausend Tulpenzwiebeln als achtundzwanzig<br />
und mehr nützliche Kräuter, zu denen auch die als Unkraut verschriene<br />
Brennessel gehört, von der jedes Kind gelernt hat, dass ihr Tee blutreinigend<br />
wirkt.</p>
<p>„Was schweifst du ab, gelehrte Erato, zu magischen Künsten?“</p>
<p>„Achtundzwanzig“ war nur eine willkürlich gewählte Zahl,<br />
aber achtundzwanzig Seiten Kräuterkunde würden tatsächlich unseren<br />
Rahmen sprengen, der Einspruch kam gerade rechtzeitig. Dass es uns nicht um<br />
Magie und Zauberei gehen kann, ist ja bereits begründet worden. Dagegen,<br />
die gesunde Wirkung etwa des Ginseng durch den Zauber einer netten Teezeremonie<br />
zu verstärken, dürfte auch nichts sprechen – nur, was unseren<br />
Lehrgang betrifft, können wir nicht ständig zulassen, dass die Muse<br />
uns die Inhalte diktiert – kommen wir also zurück zum Text.</p>
<p>[<a href="#oben">Übersicht</a>]</p>
<h3>Liebeskunst für Frauen<a name="frauen"></a></h3>
<p>Nach diesen Auszügen aus meiner Bearbeitung der ersten beiden Bücher der Liebeskunst geht es weiter mit der Liebeskunst für Frauen, die von meiner Mitautorin Leilah verfasst wird. Sie geht die Sache als Bloggerin und Sexpertin an, und ich wünsche ihr viel Glück bei diesem Experiment.</p>
<p>Weiterlesen also bei:</p>
<p><strong><a title="http://gucknet.de/sample-page/das-erotische-buch-bei-gucknet/ovids-liebeskunst-fuer-frauen-interpretation-von-leilah" href="http://gucknet.de/sample-page/das-erotische-buch-bei-gucknet/ovids-liebeskunst-fuer-frauen-interpretation-von-leilah">OVIDs Liebeskunst &#8211; für Frauen<br />
</a></strong></p>
]]></content:encoded>
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